Übungsfelder für den Möglichkeitssinn

Eigenartig - Übungsfelder für den Möglichkeitssinn
Jugendkunstschulen und Kulturpädagogische Einrichtungen

Ein Textbeitrag von
Mechthild Eickhoff, Bundesverband der Jugendkunstschulen und Kulturpädagogischen Einrichtungen e.V., bjke


„Haben Löcher auch ein Ende?“, fragt eine Art Riesenfrotteetüte mit zwei Augen und einer zum Hut drapierten Seerose auf dem Kopf. Oder „ist das Maß aller Dinge der Nabel der Welt?“. Es gibt eine Reihe weiterer Fragen und weiterer Figuren dazu, Kinderköpfe hinter Masken oder Riesenaugen – es ist eine Plakatserie des Landesverbands der Jugendkunstschulen und Kulturpädagogischen Einrichtungen Bayern e.V. Die Jugendkunstschulen in Bayern haben die Bundestagswahl 2009 zum Anlass genommen, die Wahlplakate und Weltperspektiven der Politiker/innen nach der Wahl durch den „anderen Blick auf die Welt“ der Kinder und Jugendlichen zu ersetzen. Den Kandidaten mit ihren plakativen Schlagworten, Versprechen und Sichtweisen folgten die Darstellungen der Bildungszielgruppe Nr. 1: Kinder. In Fußgängerzonen, an Holzwänden an der Bundesstraße, auf der Litfasssäule oder dem Sandwich-Aufsteller an der Laterne erschienen eigenartige Fragen mit seltsamen Bildern und dem Hinweis auf die Kinder- und Jugendkunstschulen in Bayern: „Wir geben ihrer Vorstellungskraft einen Raum (…). Wir schulen den Möglichkeitssinn.“

Im Prinzip ist damit alles über Jugendkunstschulen und Kulturpädagogische Einrichtungen gesagt: Sie schulen den Möglichkeitssinn, sie ermöglichen den rigorosen Zweifel an einheitlichen Wirklichkeiten und die kraftvolle Lust zur Gestaltung, zur (öffentlichen) Irritation und persönlichen Grenzüberschreitung und zwar mit allen Sparten der Kunst.

Etwas konkreter heißt das: Jugendkunstschulen, Kunstschulen, Kulturwerkstätten, kulturpädagogische Einrichtungen sind professionelle Freizeitorte, um Kindern und Jugendlichen spielerisch, experimentell und vor allen Dingen selbsttätig die Künste erlebbar zu machen. In Kursen, Workshops, offenen Ateliers und Bühnen, dem Ferienprojekt oder dem Wochenendintensivangebot vermitteln Künstlerinnen und Künstler, Kulturpädagogen aller Sparten technische Möglichkeiten und künstlerische Fragestellungen. Basis hierfür sind die Fragen und Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen, die ein Angebot nutzen. Persönlichkeitsbildung mit Kunst und Kultur steht im Fokus. Man findet insofern in der Jugendkunstschule sowohl den Zeichenkurs oder den Comiczeichenkurs als auch Kurse oder Workshops unter Namen wie „Gegen den Strich. Persönliche Gegendarstellungen“, in denen es um die Auseinandersetzung mit der eigenen Person mit zeichnerischen, aber auch fotografischen oder performativen Mitteln geht. Im Nachbaratelier hingegen wird keramisch an großen Skulpturen gearbeitet. Immer wieder hört man aus dem Tanzraum Schritte und Sprünge auf dem Boden, während eine 15-Jährige in auffallendem Kostüm aus dem Theaterbereich auf dem Malereidachboden nachfragt, ob sie mal probeweise beim Acrylmalen mitmachen könnte.  
Eine Jugendkunstschule verbindet bestenfalls alle Künste unter einem Dach, um Kindern und Jugendlichen eine möglichst breite und möglichst individuell passende Palette an Ausdrucksmöglichkeiten anzubieten. Auch wenn Jugendliche eine der Künste favorisieren, so erleben sie doch die Lebendigkeit anderer Sparten hautnah mit. Dabei beginnen die Angebote schon morgens für alle Altersstufen und in der Regel in Gruppen: in der ästhetischen Frühbildung je nach Alter mit Müttern oder Vätern oder in der Kindergarten- oder Schulkooperation; sie entfalten sich am Nachmittag in freien Kursen und Werkstätten oder auch mal in der Kooperation mit der Schule zur Berufsorientierung und münden am Abend in die Arbeit mit älteren Jugendlichen oder die Beratung zu Berufen im gestalterisch-künstlerischen Bereich mit entsprechender praktischer Vorbereitung auf die Aufnahmeprüfungen. Es existieren und entwickeln sich mehr und mehr dezentrale Angebotsformen, die mit Material und Personal in Außenbezirke von Städten fahren, um potenziell „für alle“ erreichbar zu sein.
Ihre Stärke bezieht die Jugendkunstschule auch aus ihrer Kontinuität. Sie ist ein Ort, zu dem Kinder und Jugendliche verlässlich kommen können oder der verlässlich als Ort zu ihnen kommt. Professionalität in Jugendkunstschulen bedeutet: künstlerisch-pädagogisch qualifiziertes Personal, das genau nicht nach Bastelanleitungen arbeitet, sondern als Agent der Zielgruppe, für die die künstlerische Tätigkeit Sinn stiften und sich auf ihre Fragen und Suchbewegungen konzentrieren soll. Die Kunst bedeutet in diesem Zusammenhang die symbolische Verhandlung von Fragen, Einsichten, Kritiken, Zweifeln, Neuentwürfen und Möglichkeiten. Jugendkunstschule ist ein Ort sowohl für Freizeitkünstler als auch für die Hochbegabten, die auf einen gestalterischen Beruf abzielen. Es ist offenbar, dass dies besondere professionelle Zugänge verlangt, damit nicht nur hübsche Produkte hergestellt werden, sondern auch persönlich wirksame Prozesse in Bewegung kommen. Professionalität in Jugendkunstschulen bedeutet aber auch eine angemessene Infrastruktur: Räume, die anregend sind; Material, das vielfältig und qualitativ passgenau ist; Zeitstrukturen und Angebotsformate, die sowohl ein Ausprobieren als auch ein Vertiefen und Professionalisieren ermöglichen.

Jährlich nutzen etwa 640.000 Kinder und Jugendliche die Angebote der rund 400 Jugendkunstschulen und Kulturpädagogischen Einrichtungen in Deutschland. Ihnen gegenüber stehen noch einmal so viele „Nutzer/innen der zweiten Reihe“: Es sind Zuschauer und Ausstellungsbesucherinnen, Kulturinteressierte, Freunde, Verwandte, die zu Präsentationen in die Einrichtungen kommen. Jugendkunstschulen sind Kulturstandort in den Gemeinden.
Es sind darin zwei Aspekte enthalten, deren gesellschaftlich-demokratische Dimensionen in der Diskussion um und bei den faktischen Auswirkungen der Finanzkrise besonders deutlich hervortreten: lokale kulturelle Identität und persönliche Sinnstiftung.

Lokale kulturelle Identität: Große Kulturevents touren durch alle Städte, bucht ein Kulturamt sie nicht, macht es sich verdächtig, nicht zeitgemäß zu sein. Ob es Musical-Produktionen oder Comedystars sind, ebenso wie die Innenstädte werden die Event-Kulturprogramme in dieser Hinsicht weitgehend austauschbar. Wer aber bestimmt lokale Kulturidentität, ermöglicht auch Laien kulturelle Wertschätzung gegenüber und vermittelt darüber hinaus, welche Leistung eigentlich hinter dem Theaterspielen, Bilderzeichnen oder Musikmachen steckt? Hier sind Einrichtungen der Kulturellen Bildung die professionellen Orte, die nicht vergessen lassen, dass gestalterischer Reichtum, phantasievolle Vielfalt und kulturelle Leistungslust bereits Teil jeder Gemeinde sind und nicht allein teuer ein- und verkauft werden müssen.

Persönliche Sinnstiftung: Kinder und Jugendliche wachsen unter Bedingungen auf, die von ihnen mehr denn je die Fähigkeit verlangen, sich selbst als wertvoll und sinnvoll zu definieren. Geradlinige Zukunftsaussichten – familiär-soziale - und vor allem die Aussicht auf eine gesellschaftliche Anerkennung durch angemessen bezahlte Arbeit kann ihnen nicht mehr garantiert werden. Persönliche Empfindung von Sinn und das Gefühl gesellschaftlich und materiell dazuzugehören, sind jedoch wesentlich für ein gelingendes Leben. Fallen die verlässlichen Quellen für diese Gefühle aus und weichen vielleicht sogar einer Angst, sich festzulegen oder gar keine Zugänge zu erhalten, zerfällt die eigene und die Wertschätzung für eine soziale Gesellschaft. Die Kulturelle Bildung – und hierzu zählt das Feld der Jugendkunstschulen und Kulturpädagogischen Einrichtungen – kann nicht Arbeitslosigkeit verhindern und die Finanzkrise beheben, aber sie kann Wertschätzung und Anerkennung als Sicherheiten für Menschen ermöglichen. Die Künste sind ein Experimentierfeld und Schutzraum für den radikalen Zweifel, aber auch die radikale Wertschätzung von Gesellschaft und sich selbst. Und sie sind der Raum für die Reflexion von Umständen und vor allem von Möglichkeiten der Zukunft. Kulturelle Bildung ist, wenn sie gelingt, die Chance die Zukunft anders denken zu können als die Vergangenheit und Gegenwart sich darstellen. Hierin besteht eines ihres gesellschaftlich relevantesten Potenzials.

Fragen, wie die eingangs zitierten, erscheinen Ungeübten möglicherweise etwas eigenartig und albern; aber sie sind Übungsfelder für den Möglichkeitssinn – sowohl für ihre Absender als auch ihre Adressaten. Jugendkunstschulen und Kulturpädagogische Einrichtungen nehmen diese Fragen sehr ernst.

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